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VorHair – NachHair

Wir kennen sie alle, die Friseurläden mit Namen wie: ‚Vier Haareszeiten‘, ‚Hairlich‘, ‚Rund Hair Rum‘, ‚cut-Haar-strophal‘ und so weiter. Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich einen Laden mit eben solchen ausgefallenen Namen erblicke. Da wird sich beim Brainstorming mal richtig was getraut. Respekt! Das letzte Mal als ich solch ein Friseurgeschäft von innen sah, war ich das plus 1 einer lieben Freundin. Davor ließ ich mir den crazy Letz-Fetz-Alles-Oder-Nichts-Fräulein-Cyrus-Haarschnitt verpassen. Das war letztes Jahr im Juni, kurz vor der Chemo. Heute, ein Jahr später, sind sie wieder da – meine kleinen Freunde da oben. Und ich hege und pflege sie wie einen kleinen Schatz, der lange Zeit verschollen war. Mittlerweile haben die Härchen eine beachtliche Strecke zurückgelegt und an Länge gewonnen. Und dies verändert plötzlich nicht nur das äußere Erscheinungsbild.

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Neulich wuschelte mir eine liebe Freundin mit der Hand durch meine Haarspitzen. Wir hatten uns einige Zeit nicht gesehen und irgendwie ist das zu einer Art Ritual geworden. Nicht nur bei meinen Freunden. Auch meine lieben Eltern fühlen sich von dem Wachstum auf meinem Köpfchen angezogen. Ein Küsschen hier, ein Wuschler da. So als ab sie sich nochmal vergewissern möchten, dass wirklich alles in Ordnung ist und mein wieder erlangtes Haupthaar ihnen dies damit bestätigt. Denn lange Zeit war da oben einfach nix außer einer spiegelglatten Oberfläche, mit der ich sogar meinen beiden Brüdern Konkurrenz machte.
Nun gut. An sich ist dieses Ritual ganz süß und es erfreut mich ja auch, wenn ich in die glücklichen Gesichter der Streichler und Wuschler blicke. Aber kürzlich änderte sich dieses Gefühl ein wenig. Besagte Freundin wuschelte mir also über den Kopf und zum ersten Mal fand ich es nicht mehr so süß und sagte: „Nicht so dolle, ich habe meine Haare heute gestylt!“. Ich machte mir tatsächlich Sorgen um den Richtungswechsel meiner Haare. Zum allerersten Mal. Stark!

Mit dem Wachstum der Haare verblassen auch die Erinnerungen an die Kojak-Zeit und die Eitelkeit macht sich prompt wieder breit und zieht sich nen flotten Scheitel. Man bleibt nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in der Haarstyling-Abteilung im Laden um die Ecke stehen und interessiert sich für ‚Supa-Dupa-Styling-Glue‘, ‚Glossy-Shiny-Happy-People-Schaum‘ und was es nicht noch so im Regal zu finden gibt. Es wird gewaschen, gekämmt, gestylt und vor dem Spiegel getanzt bis die Pomade schmilzt. Yippie Ya Yeah – welcome back, hairly friends!

Apropos Freunde, zurück zur Wuschelattacke. Ich machte mir tatsächlich Gedanken darüber, woher diese körperbetonte Angewohnheit eigentlich kommt? Und siehe da, plötzlich kann ich mit all den schwangeren Frauen sympathisieren, denen ständig der Bauch getätschelt wird. Oder den armen Hundebesitzern, deren flauschiger Liebling ungefragt die Nase gedrückt und auf’s Köpfchen geknutscht wird. Wirklich sonderbar. Doch anscheinend sieht es so aus, als müssten wir uns immer doppelt absichern. Ernsthaft nachschauen ob Frau Babybäuchlein nicht doch einen aufgeblasenen Ballon unter ihrem Kleidchen spazieren trägt oder der Hund wirklich nicht beisst. Kann das sein? Müssen wir wirklich auf Nummer sicher gehen und der Neugierde immer freien Lauf lassen? Glauben wir nur noch an das was wir ertasten und mit eigenen Augen sehen und nicht mehr an das gesprochene Wort? Ja?

Ich selbst kann mich davon auch nicht freisprechen, doch seit geraumer Zeit achte ich verstärkt darauf und fragte in meinem Freundeskreis nach ähnlichen Erfahrungen. Den schwangeren Girls aus meiner Runde geht es in der Tat genauso – und sie sind echt genervt von ungefragten Tätschelattacken bei Kaffee und Kuchen. Ich fasse doch sonst auch niemanden in der Bar einfach so an den Bierbauch. Menschen, die ein Problem mit ihrer Komfortzone haben sind da total angeschmiert und haben es bestimmt schwerer, wenn es um Haarausfall, Schwangerschaft und Tiere geht. Wie machen die das bloß? Lassen sie alles wortlos über sich ergehen? Wie tragisch.
Doch dabei wäre es so einfach dieser unangenehmen Situation den komischen Beigeschmack zu nehmen. Stichwort: fragen! Geht ganz leicht und ist absolut kostenlos. „Salüt! Bonjour! Wie geht’s denn immer so? Darf ich vielleicht ihrer Fellnase mal auf’s Riechorgan drücken? Oder den kräftigen Tritt ihres Kindes spüren? Oder Ihnen über ihr wunderbares Haupthaar wuscheln?“ Und schon kommt man ins Gespräch, holt sie vielleicht ne verbale Klatsche ab, aber hinterlässt zumindest kein komisches Unwohlsein beim Gegenüber. Ich fänd’s spitze und würde es sogar erlauben. Ich meine jetzt nicht, das Näschendrücken – das Haarewuscheln. Ja, fragt mich gern beim nächsten Mal und ihr dürft garantiert mal anfassen.

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