Krebs 2.0

Ehrlich gesagt, habe ich mich vor meiner Diagnose eher selten mit dem Thema Krebs beschäftigt. Wie so oft sind es immer die anderen oder Freunde von Freunden, denen so etwas widerfährt. Einige Berührungspunkte gab es in der Vergangenheit dennoch. Durch meinen Job hatte ich bereits verschiedenste Organisationen und öffentlichkeitsstarke Aktionen auf dem Schirm. Beispielsweise setzt sich das Hard Rock Cafe mit der Pinktober-Kampagne für das Thema Brustkrebs ein oder der Movember für die Aufklärung der Gesundheit von Männern, sowie der Forschung von u.a. Prostatakrebs. Diese Aktionen sind meines Erachtens sehr wichtig und bringen auf eine unkonventionelle Art Schwung in die Aufklärungsarbeit und der Generierung von Spenden.

Bei meiner Gattung von Krebs finde ich allerdings nicht all zu viele Anlaufstellen, geschweige denn aktuelle Studien oder Organisationen, die mich persönlich ansprechen und zeitgemäß sind. Krebs ist halt nicht gleich Krebs. Da gibt es schon enorme Unterschiede. Man liest sich ja auch schließlich nicht die Bewertungen von Smartphones durch, wenn man sich ein Tablet anschaffen möchte. Es gibt zwar das Portal der DLH und diverse andere Infoseiten, aber irgendwie befriedigt mich die Auswahl und Darbietung an Informationen nicht so recht. Mir ist schon klar, dass die meisten Betroffenen 60+ sind, aber was ist mit uns? Denen, so um die 30 und die mit diesem Internet groß geworden sind? Haben wir nicht auch einen Anspruch auf Ästhetik im Web? Oder lautet hier die Divise:

„Näher am Schrittmacher, als am Puls der Zeit.“ (Dendemann)

Die DKMS ist ein schönes Beispiel dafür, zeitgemäß Aufklärungsarbeit für das Thema Blutkrebs zu leisten und die Wichtigkeit sich als Stammzellspender zu registrieren in die Öffentlichkeit zu transportieren. So bietet die DKMS LIFE – die kleine Schwester der DKMS – beispielsweise bundesweit kostenlose Kosmetikseminare für Frauen mit Krebs an. Gegoogelt, getan. Ein Anruf und mein Platz in der Gruppe war gesichert. Montag Nachmittag, 14 Uhr, Treffpunkt Charité Berlin Mitte.
Am Anfang wirkte es wie bei einem Treffen der anonymen Wasauchimmer. Irgendwie beklemmend und gleichzeitig komisch, im Sinne von lustig. Ich war drauf und dran mich von meinem Stuhl zu erheben und die Worte zu sagen: „Hallo, mein Name ist Janine und ich habe meinen Handball Henry mitgebracht.“ Krrrkrr… Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, der Spruch könnte hier nicht seine volle Wirkung entfalten. Also blieb ich sitzen, vergrub beide Hände unter meine Oberschenkel und lauschte den Worten der professionellen Make-Up Artistin, die uns an diesem Tag durch das Seminar begleitete.

Acht Teilnehmerinnen waren zu diesem Termin gekommen, alle so roundabout 50. Flott und adrett gekleidet. Allesamt mit Kopfbedeckung, mich eingeschlossen. Als ich gerade dabei war, mein Mützchen vom Kopf zu nehmen, kam mir eine Teilnehmerin zuvor und fragte laut in die Runde: „Stört es jemanden, wenn ich meine Mütze absetze?“. Hä? Ich hab’ die Frage nicht verstanden, dachte ich so bei mir. Sie hat doch nicht gerade wirklich…? Mal im Ernst. Da sitzen acht Frauen mit Monsieur Krebs in einem Raum und sie fragt tatsächlich ob es jemanden stört, wenn sie ihre Kopfbedeckung abnimmt? Hallo? Jeder weiß doch was bei dem anderen unter der Haube los ist. Wir sind hier doch nicht in einem Restaurant, wo man anstandshalber mal fragt „Sorry, aber stört es sie wenn ich rauche?“. Für mich war dieser Moment stellvertretend für den allgemeinen Umgang mit Krebs oder auch anderen Krankheiten in der Öffentlichkeit. Ich muss mich doch nicht dafür entschuldigen, dass ich grad ne Scheißzeit durchlebe. Echt nicht! Ich schaute die Dame an und sagte ihr genau das, setzte selbstbewusst meine Kopfsocke ab und lauschte weiter den Worten der Make-Up Artistin. Nach 1,5 Stunden war ich um einige Schminktipps, sowie einer großen Tasche mit hochwertigen Kosmetika reicher und ging mit einem selbstbewussten Lächeln nach Hause.

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