Ich spring von Level zu Level

Die Bekanntschaft mit Henry war nicht nur eine körperliche Belastung, sondern auch psychisch ein ganz schön großer Hammer. Dies stellte sich aber erst heraus, als das Schlimmste überstanden schien und die körperlichen Strapazen sich verabschiedeten.
Wie in Trance pest du durch jede einzelne Untersuchung. Jede Behandlung. Du funktionierst in diesen Momenten einfach nur. Wie ein ferngesteuerter Roboter. Mit Blick aus der Vogelperspektive. Chemo Nummer 1 – check ✓. Chemo Nummer 2 – geschafft ✓. Chemo Nummer 3… Du hangelst dich von Behandlung zu Behandlung. Du springst von Level zu Level, solange bis dein Endboss aufgibt und KO geht. Dieser Spielstand muss die nächsten vier Jahre Aufrecht erhalten werden, um dann das langersehnte Zertifikat „krebsfrei“ an die Wand pinnen zu können.

Die ständigen Untersuchungen und Behandlungen gehören der Vergangenheit an. Und erst nachdem das Gröbste überstanden war und folgende Worte den Mund meiner Onkologin verließen „Wir gehen davon aus, dass Henry weg ist. Es gibt keine aktiven Krebszellen mehr.“ stellte sich Erleichterung ein. Doch auch erst dann realisierst du zum ersten Mal was eigentlich passiert ist. Was in den vergangenen Monaten los war. Dass du haarscharf, ohne doppelten Boden und Reservefallschirm an der Klippe vorbei gesegelt bist. PENG! Das sitzt erstmal. Ja, genau – erstmal hinsetzen. Durchatmen. Eins, zwei, drei. Zurück spulen. Auf Anfang. Und schon startet die Rückblende, ohne Vorspann. Es geht sofort los und vor deinem inneren Auge spielt sich ein kompletter Film ab. Würde er auf ARTE laufen, so hieße er vermutlich „Durch die Nacht mit Henry“. Aneinander gereihte GIF-Animationen durchfluten deinen Kopf. Gedanken. Gefühle. Erlebnisse. Alles kommt zusammen. Auf einmal. Die ganze Zeit lief im Hintergrund leise Fahrstuhlmusik und das Licht schien gedämmt. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung knipst einfach so jemand den Lichtschalter wieder an und schraubt am Lautstärke-Regler.

Und nun? Was passiert jetzt? Henry ist fort und das Soundsystem funktioniert wieder einwandfrei. Zumindest äußerlich scheint die Hardware wieder einsatzbereit zu sein. Und die Software? Ich entschloss mich dazu einen Berater aufzusuchen. Jemand, der mein Betriebssystem durchforstet, Dateien archiviert und meine Festplatte neu startet. Ich informierte mich bei der Berliner Krebsgesellschaft, die mir binnen kürzester Zeit einen Termin mit der Expertin vermittelte. Und plötzlich saß ich da, mit offenem Haar.

Es passte auf Anhieb. Die Software-Spezialistin kannte sich mit dem Betriebssystem hervorragend aus. Nach einem kurzen Update begann ich ihr von dem Erlebten zu berichten. Ich erzählte von Henry. Wie wir uns kennenlernten, wie er mein Leben auf den Kopf stellte und wie ich mit ihm Schluss machte. Es war gut. Gut, sich mit jemanden auszutauschen, der nicht weiß, wie deine Lieblingsband heißt und sich nach dem Gesprochenen keine Sorgen darüber macht, wie es dir geht. Ob es dir auch wirklich gut geht. Sie weiß, wie es mir geht. Dass es mir gut geht. Nach dem Gesprochenem. Es ist wichtig, sich einem neutralen Gesprächspartner anzuvertrauen. Jemand drittes. Jemand, der mit dir dorthin geht, wo es noch mal richtig auf die zwölf gibt. Damit das Erlebte verarbeitet werden kann. Neustart. Ich nenne es Software-Experte, die offizielle Berufsbezeichnung lautet Psychoonkologe. Vereinbart einen Termin, denn solch einen Trojanerangriff packt euer System nicht ohne professionelle Firewall.

Ich bin dankbar für diese Hilfestellung und Erfahrung. Habe viel über mich gelernt und bin in all der Zeit so unfassbar tollen Menschen begegnet. Vor all diesen Menschen mache ich an dieser Stelle virtuell einen Knicks und sage DANKE.

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Danke, liebe Krankenkasse, dass mit dir alles so herrlich unkompliziert und schnell umgesetzt wurde. Deine Mitarbeiter sind wirklich Zucker! Danke, Lieblings-Onkologen und Mitarbeiter vom Ärzteforum. Ihr habt einen besonderen Platz in meinem Herzen! Danke, liebes Team des DRK Klinikum Mitte, der Charité und dem Benjamin Franklin Campus. Ihr macht einen Wahnsinnsjob, Chapeau! Und vielen Dank, Berliner Krebsgesellschaft. Für alles was war und noch kommen wird. 😉

Jede einzelne Person, die mich auf diesem steinigen Weg begleitete ist einfach ganz zauberhaft und hat einen fanatischen Job geleistet. Ich weiß, jeder macht andere Erfahrungen und es wird auch viel gemeckert. Doch ist es nicht an der Zeit, auch die positiven Seiten zu erwähnen, statt immer nur die schlechten Böhnchen heraus zu picken? Meine Erfahrungen waren durchweg positiv und ich wüsste nicht, was ich ohne diese geballte Kompetenz und Herzlichkeit gemacht hätte. Euch allen möchte ich sehr danken. Ihr umgebt euch täglich mit wirklich schweren Schicksalsschlägen und seid allzeit zur Stelle. Danke, dass ich euch kennenlernen durfte und ihr mich auf meinem Weg begleitet habt. DANKE.

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