Hoch die Hände, Wochenende!

Es ist Freitagmorgen. Ich sitze dick eingepackt mit Mütze auf dem Kopf und den Schal bis zur Nasenspitze geschoben in der S-Bahn in Richtung Büro. 9 Uhr, die Bahn ist semi gefüllt. Ein Platz am Fenster ist fast immer frei. Ich schaue hinaus und blicke direkt in die Sonne. Im Reflex kneife ich schnell die Augen zu und merke nach kürzester Zeit, wie es wieder etwas dunkler wird. Ich öffne die Augen. Wir fahren durch einen Tunnel. Au Revoir Sonne, Bonjour Smartphone.

Dank 1a Verbindung meines Netzbetreibers checke ich mal eben, was JeanetteBaguette und JackGelee23 heute zum Frühstück hatten und lasse mich davon gern inspirieren. Müsli mit Früchten, Avocado-Brot und frisch gepresster Orangensaft, lecker. #MUESLI #AVOCADO #TGIF – TGIF? Was soll das denn bedeuten? Eine neue Bilddatei? Die Schwester von gif und tif? Ich schmiss die Suchmaschine an und wollte unbedingt noch vor der nächsten Haltestelle wissen, was sich hinter diesem Hashtag verbirgt, der neuerdings verstärkt zum Ende der Woche im Newsfeed meiner Freunde auftaucht. Noch während ich tippe, sagt mir Wikipedia, was genau sich hinter der Abkürzung verbirgt. „TGIF steht für: Gott sei Dank, es ist Freitag – Thank God It’s Friday.“ Na klar! Macht total Sinn, oh man. Hätte ich auch selbst drauf kommen können. Merkste selber, nech? Ich schaue nach rechts, ich schaue nach links. Glück gehabt, niemand der direkt neben mir sitzt, die ganze Zeit hypnotisch auf mein Display starrt und nun ebenfalls dieses Wissen besitzt.

Mit dieser Kenntnis und einem Hashtag schlauer unterm Arm verlasse ich die S-Bahn und gehe schnurstracks in die Agentur. „Hallo, guten Morgen! TGIF! Und du so?“ Mit so ner News im Gepäck möchte man doch am liebsten jeden am Freitagmorgen begrüßen. Machte ich aber nicht. Ich hob die Info stattdessen für die kommende Woche auf. Und so geschah es, dass ich tatsächlich mein erstes #TGIF-Bild postete. Aha, ok. Na und? Was ist so besonders daran? So einiges. Noch während sich das Foto im Upload befand, geschah dasselbe nämlich auch mit mir. Der Upload aktualisierte automatisch meine eigene Software. Ein erweitertes Update. Next Level. Auf einmal hatte das Wochenende wieder eine neue Bedeutung. Ich freute mich darauf. Zum allerersten Mal. So wie jeder andere auch. Endlich Samstag. Endlich Sonntag. Endlich Feierabend.

Foto-yeah
Es machte KLICK! und plötzlich erinnerte ich mich an die Zeit im Krankenhaus. An eine Zeit, in der es völlig egal war, ob es Montag, Mittwoch, Freitag oder Samstag war. Es war vollkommen Schnurz. Für mich zählte jeder Tag. Egal ob Werktag oder Wochenende. Wobei der Samstag und Sonntag nie wirklich weit oben auf meiner Beliebtheitsskala standen. Wochenende bedeutete, dass weniger Ärzte da waren. Andere Pfleger. Ein anderer Groove. Weniger Zeit zum schnacken. Das Personal halbierte sich spürbar und die Auswahl des Mittagsmenüs schrumpfte auf zwei Gerichte: Salzkartoffeln mit Fisch oder Eintopf. Ich wählte beides immer im Wechsel. Mal mit Tee, mal mit Wasser. Und so zogen sich die Vormittage wie Kaugummi. Keine Visite, keine Essenbestellung für den nächsten Tag und keine Studentenführungen. Das war immer mein persönliches Highlight. Nein, nicht die Essenbestellung. Die Studentenbefragungen.

Eine Meute von 4-6 angehenden Akademiker stellten Fragen und lernten so konkret an einem Fallbeispiel, direkt am Patientenbett. Ähnlich wie bei Grey’s Anatomy. „So Meredith Grey, welche Art von Tumor könnte diese junge, äußerst sympathische und gut aussehende Dame haben? Stellen sie Fragen zu ihrer Krankheitsgeschichte und sie werden es anhand der Symptome mit Sicherheit schnell herausfinden. Los geht’s!“. Es machte Spaß die Fragen zu beantworten und zeigte mir auf, dass es doch einen Grund hat, dass Henry da war. Ich konnte helfen. Dennoch machte sich Unsicherheit breit. Waren wir doch alle beinahe im selben Alter. Ich versuchte ihnen die Beklommenheit zu nehmen und gab hier und da Tipps oder nickte, wenn der Chefarzt eine Frage stellte und gerade nicht schaute. Und trotzdem war dies nicht das Seattle Grace Hospital sondern die Charité und die Assistenz-Ärzte trugen Namen wie Susanne oder Peter.

Am Wochenende gab es allerdings keine Studentenausflüge auf Station 1a und die Flure blieben leer. Unter der Woche kam ständig jemand ins Zimmer. Riss dich aus deinem Mittagsschläfchen, nahm Blut ab oder wischte einmal mit dem klatschnassen Lappen über den mit Gossip-Heftchen vollgestopften Tisch. Und so wartete ich auf meinem Besuch. Auf meine Freunde, auf meine Familie. Die zum Glück jeden Tag vorbei kamen. Toll, dass diese Zeit nun endlich vorbei ist und ich in ein Leben mit einem Alltag ohne der täglichen Frage „Na Frau Schmidt, wie fühlen sie ich heute?“ zurückkehren konnte. Mittlerweile freue ich mich wieder auf das Wochenende. Ich freue mich auf den Samstag und Sonntag – #TGIF!

Und genauso freue ich mich auch auf die kommenden Weihnachtsfeiertage im Kreise meiner Liebsten. Ich wünsche uns allen besinnliche & erholsame Feiertage und melde mich kurz vor Jahresende noch einmal mit ’nem kleinen Rausschmeißer-2014-Jahresrückblick-Beitrag zurück. Bis dahin!

weihnachten

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