Goodbye Gesichtsbehaarung

3 Monate sind seit meiner letzten Chemotherapie vergangen und seither freue ich mich über jedes einzelne Haupthaar, welches mir freundlich zuwinkt. Von Tag zu Tag werden sie länger und länger. Mittlerweile kann ich sie sogar schon ein wenig frisieren. Also, naja… Ich kann sie entweder zur linken oder zur rechten Seite legen. Immerhin. Denn lange Zeit war das einzige Styling Produkt für meine Dachterrasse die gute alte Bodylotion und ein Tüchlein zum nachpolieren. Heute würde ich am liebsten jedes Mal eine Telefonkette starten, sobald ich mein Haupthaar mit Shampoo wasche. Und warum? Weil ich es kann! Mache ich aber nicht. Aus Gründen. Stattdessen tobe ich mich heute hier aus und erzähle euch sogar, dass ich mich ab und an beim Blick in den Spiegel dabei ertappe, mir selbst nachzupfeifen. Ne, is klar.

Das war jedoch nicht immer so. Kurz nach meiner sechsten Chemotherapie verlor ich innerhalb kürzester Zeit meine Augenbrauen und Wimpern. Und ich kann euch sagen, das ist echt kein Spaß! Du schaust in den Spiegel und fragst dich:

„Entschuldigung, aber kennen wir uns?“

Erst wenn sämtliche Haare auf dem Kopf und im Gesicht verloren sind lernt man sie zu schätzen und sie fehlen einem plötzlich ganz arg. Denn es sieht schon irgendwie komisch aus, wenn der Rahmen verschwunden ist und man auf einmal komplett oben ohne dasteht. Wir zupfen uns die beiden Balken über den Augen zurecht, ohne daran zu denken wie es ist, plötzlich ohne sie leben zu müssen. Doch Gott sei Dank eilt hier die Kosmetikindustrie zur Hilfe, die uns Frauen in Zeiten der Haarlosigkeit die Hand reicht und uns das Tor zum Eyebrow Pencil-Himmel öffnet. Und mal ganz im Ernst: ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Möglichkeiten es gibt. Augenbrauenstifte in sämtlichen Farben und Ausführungen. Egal ob weich, hart, schmal, dick, schwarz, grau, braun oder als Schablone à la „Malen nach Zahlen“, einfach himmlisch diese Auswahl! Zeichnen liegt bei uns in der Familie, daher klappte es mit der Rekonstruktion der Augenbrauen auch ohne Schablone und Zahlen bei mir ganz gut. Aber trotzdem: sind die beiden Freunde erstmal weg, ist große Vermissung angesagt.

Das gleiche Schicksal ereilte mich, als meine Wimpern nach und nach flöten gingen. Bis zum bitteren Ende habe ich die letzten beiden Härchen mit Mascara – sagen wir mal – versucht zu betonen. Es sah jedoch eher aus, wie die verzweifelte Tat einer Schnecke, ihre beiden Stielaugen mit einer Schippe Tusche hervorzuheben. Also im Profil betrachtet, wenn ihr wisst was ich meine. Aber egal. Die beiden letzten Überlebenden mussten so lange wie möglich die Stellung halten. Doch irgendwann ließen auch sie mich im Stich und zwinkerten mir vom Waschbeckenrand aus zu. Das ist der Moment in dem man merkt, dass die kleinen Härchen nicht nur hübsch aussehen, sondern auch eine wichtige Funktion haben: sie schützen unsere Augen vor Eindringlingen. Also, ich meine jetzt nicht Tischkanten oder widerspenstiges Dschungelgeäst. Nein, die kleinen Mini-Eindringlinge. Wie zum Beispiel Tierhaare und Staub oder aber fiese Spinnengewebe, die dich plötzlich beim spazieren gehen aus dem Nichts und ohne Vorwarnung angreifen. Solche Eindringlinge eben. Aber keine Angst, I survived the Spinnengewebe! Ich kann nämlich Karate und hab’ ne Sonnenbrille. Aber trotzdem, hast du erstmal die Alltagseindringlinge überlebt, schaust du wieder in den Spiegel und denkst: „Shit! Wohin zur Hölle mit der Mascara?“.

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