Fuck You Very Much!

Es ist 11.25 Uhr, um 11.50 Uhr ist der Termin. Dieser absolut wichtige Termin. Der von der Sorte OMG-WTF-BBQ-Termin. Verdammt, ich bin viel zu früh – wie konnte das bloß passieren? Das ist doch sonst nicht so. Egal. Schmidt Happens. Das Telefon klingelt und ich greife in meine rechte Jackentasche. „Ja, Hallo?“ – „Naaaaa, hier ist dein Dad.“ – „Hach, perfektes Timing, Dad! Ich stehe hier gerade vor dem Krankenhaus und habe erst in einer halben Stunde den Termin.“ – „Du machst das schon, ich drücke dir die Daumen.“. Hach, Eltern wissen eben instinktiv wann sie anrufen müssen, also meistens jedenfalls.

Gestärkt durch die Kraft der Worte, gehe ich schnurstracks in Richtung Eingang. Angespannt bin ich. Sehr sogar. Denn vor 12 Monaten wurde genau hier bei mir die erste Untersuchung durchgeführt und… Henry entdeckt. Vor der Eingangstür stehen zwei Patienten des Krankenhauses, die ihren Tropf über den holprigen Asphalt schieben und genüsslich an einer Zigarette ziehen. Kein ungewohntes Bild für mich. Dieses Szenario spielt sich vor beinahe jedem Krankenhaus ab. Ich schüttel innerlich mit dem Kopf und summe den Song ’Smokers Outside The Hospital Doors’ der Editors vor mich hin.

Das mache ich jedes Mal. Das lässt die Situation zwar irgendwie noch absurder wirken, aber macht sie gleichzeitig erträglicher. Ich husche durch den kalten Zigarettenrauch und quetsche mich noch schnell in die Drehtür. Uhrencheck! 11.40 Uhr. Ok. Ich kann mich ja schon mal anmelden. Das dauert in der Regel eh so 5-6 Minuten und die restliche Zeit vertreibe ich mir mit meinem Smartphone. Danke, mobiles Internet. In solchen Momenten könnte ich dich umarmen und ganz dolle knuddeln.

„Nehmen sie bitte vorne Platz, es dauert noch ein bisschen.“. Argh! Das möchte doch niemand hören – es dauert noch ein bisschen. Können die Menschen in solchen Einrichtungen nicht einfach schwindeln und sagen, dass es gleich los geht? Nun gut, es ist wie es ist. Ich nehme Platz. Vor mir befinden sich sechs Türen (ich hab nachgezählt). Die ersten beiden führen zum Science Fiction Raum, in dem das abgespacte CT-Gerät steht. Ein riesen Apparat, der locker den Lookalike-Contest mit einer Zeitmaschine gewinnen würde. Hinter den anderen beiden Türen befinden sich Röntgen-Gerätschaften. Kennt eigentlich jeder von uns, dazu muss man weiter nichts sagen. Die restlichen zwei Türen tragen das Symbol von Mann und Frau. Nach Fragen? Dann ist ja gut. Meine Augen wandern zwischen zwei dieser Türen – den ersten beiden. Immer im Wechsel. Ich werde hibbelig. Ich kneife das rechte Auge zu, dann das linke. Dann wieder das rechte und das linke… STOP. Ich hole mein Handy aus der Tasche. Internet. Ja, gute Idee. Ich gebe meinen Code ein, entsperre die Tastatur. KEIN NETZ. Nicht dein Ernst. Verdammte Axt. Ich schaue auf, die beiden Türen fest im Blick. In der Mitte befindet sich eine Steckdose, die bei näherer Betrachtung aussieht wie ein Gesicht. I See Faces. Jetzt ist es soweit. Sie können dich gleich hierbehalten. In diesem Moment öffnet sich eine der Türen – „Frau Schmidt?“. Ich springe auf und sage mit lauter Stimme „Ja, hier bin ich!“. Und dann geht alles ganz schnell. Ab in die Röhre, drei, vier Atemübungen, raus aus der Röhre, Klamotten wieder anziehen und Tschüss.

Auf dem Weg nach Hause macht sich Erleichterung gepaart mit Freude und eine Prise Angst in mir breit. Ein Potpourri der Gefühlslandschaft. Ein Feuerwerk der Emotionen (Ich glaube, ich sollte anfangen Schlagertexte zu schreiben). Doch zurück zum Thema. Von nun an hieß es abwarten. All Diejenigen die schon mal auf Ergebnisse warten mussten – und das Gefühl kennt sicherlich jeder von euch – weiß, wie lang plötzlich 60 Sekunden oder sogar 24 Stunden sein können. „Die Ergebnisse werden wir Ihnen Anfang nächster Woche mitteilen.“ What? Das sind noch mindestens fünf Tage, inklusive Wochenende! So viel Wäsche kann ein Mensch bis dahin gar nicht waschen. Ich stopfte mir die kommenden Tage also voll mit Verabredungen, Yoga und Putzattacken. Zwei Tage später klingelte meine Ärztin bei mir an. „Frau Schmidt?“ – „Jaaaaaa?“ – „Ich habe hier ein Fax bekommen.“. Oh, wie schön. Von wem mag das wohl sein – dachte ich so bei mir. Es waren die Ergebnisse der CT-Untersuchung. Meine Ärztin machte eine lange Pause. Ähnlich wie Heidi Klum bei der Verkündung der Siegerin von Germanys Next Topmodel. Ja oder Nein? Shakira oder Chantal? Ja oder Nein? Dohhhhhh! Dann holte sie – also meine Ärztin – tief Luft und sagt: „Das Tumorvolumen hat sich maßgeblich verkleinert. Wir gehen davon aus, dass keine aktiven Krebszellen mehr vorhanden sind.“. Whoohooo! Fucking Great News! „Heißt es, dass Henry nicht mehr da ist?“ – „Die Hülle ist zwar noch da, aber er ist nicht mehr aktiv.“. Ich musste mich nochmals absichern und fragte erneut: „Bedeutet das, wir können eine Flasche Sekt aufmachen?“ – „Ja, das können Sie!“. YES! Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Seit der Diagnose vor 12 Monaten warte ich auf diesen Befreiungsschlag. Und endlich ist der Moment gekommen. Henry hat kein Bock mehr und hat aufgegeben. Fuck Off Henry – For Ever Ever Ever!

Fuck you very much
Ich danke an dieser Stelle allen Lieblingsmenschen, die mich auf diesem schwierigen Weg begleitet haben und immer an meiner Seite waren. Auch für euch war es sicherlich nicht einfach, dafür bewundere ich euch sehr. Für mich seid ihr ganz wunderbare Menschen und wahre Helden. Danke für eure Stärke und eure Unterstützung. Ohne euch hätte ich diese Zeit niemals so gut durchgestanden. Ich herze und umarme meine Familie, meine Freunde, Bekannte und Unbekannte, die mir so viel Kraft gegeben haben. Ich liebe euch sehr! Behaltet weiterhin euren Optimismus und positive Energie, denn nur damit ist es möglich Berge zu versetzen und sogar Doofmänner wie Henry zu besiegen.

Auch wenn Henry aufgegeben hat, ist es noch ein langer Weg. Das nächste Jahr ist sehr wichtig, gibt es hier einen Rückfall ist das eher suboptimal. Bleibt Henry die nächsten fünf Jahre im Krebshimmel und kommt nicht mehr wieder, bin ich offiziell krebsfrei! Bis dahin wird dieses Blog auf jeden Fall weiter bestehen, da es noch so vieles zu berichten und aufzuklären gilt. Ich freue mich daher auch weiterhin über euren Support!

Eure Janine

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