Entschleunigung Deluxe

Nach drei Wochen im Outback bin ich mit einer neuen Megamix-Best-Of-80s-&-90s-And-Everything-Else-Playlist unterm Arm sowie hunderten kleinen weißen Deko-Steinchen wieder zurück im Großstadtdschungel angekommen. Yippi-Ya-Yeah! Koffer auspacken, Füße hochlegen und den Jetlag erstmal hinter mich bringen. Wobei Jetlag sich nicht zwingend auf die drei Stunden Autofahrt bezieht. Nein, es geht eher um die Umstellung im Allgemeinen. Auf einmal heißt es wieder selbst einkaufen, Latte Macchiato-Becher auf der Straße ausweichen und bei “Rot“ ernsthaft an der Ampel stehenbleiben, also wirklich jetzt. Plötzlich prasseln wieder jede Menge Einflüsse auf einen nieder, die man in den letzten drei Wochen mal so gar nicht vermisst hatte.

Hier im Reha-Himmel steht direkt am Ortseingangsschildchen in großen Lettern „Ahrenshoop – Tempel der Entschleunigung“ oder so ähnlich. Hier wo die Möwe und der Hirsch sich gegenseitig zudecken und Gute-Nacht-Lieder vorsingen. Hier wo der Bus nur einmal in der Stunde fährt und der kleine Tante Emma Laden, wo es ausschließlich Eierlikör und Kippen zu kaufen gibt, pünktlich um 16 Uhr die Rollläden herunter lässt. Hier wo es anstelle von U-Bahnstationen nummerierte Strandaufgänge gibt. Hier wo das Wort Entschleunigung seinen Ursprung fand. Und genau hier wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Straßen-Szene vom Film „Wie ein einziger Tag“ mit Ryan Gosling und Rachel McAdams gedreht.

Ein Muss für alle echten Mädchen, die sich nicht schämen sonntags ihre Taschentücher zu zücken und diese auch zu benutzen. In dem Film geht es darum, dass Oberchecker und Sweetheart Rrrrryan ein Date mit der bezaubernden Rachel hat. Sie tanzen und hüpfen und springen, so wie man das damals und hier in Ahrenshoop so machte bei einem ersten Date. Und weil der Rrrrryan ein ganz abenteuerlustiges Kerlchen ist, veranstaltet er eine kleine Mutprobe und legt sich zusammen mit der hübschen Rachel auf die Straße. Einfach so. Ganz schön verrückt, diese Hollywoodstars. Naja, jedenfalls liegen die beiden da so rum und starren gebannt auf die Ampel und führen tiefgründige Gespräche, wie „Oh mein Gott, was passiert bloß, wenn jetzt ein Auto kommt?“. Tja, was wird dann wohl passieren? Merkste, selber Rachel, ne? Nun gut. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt dann irgendwann ein Auto um die Ecke gebogen und beide springen im richtigen Moment auf und laufen wie zwei Kichererbsen durch die City. Voll schön, die Szene. Wirklich. Und der ganze Film sowieso, hach…

Wie ein einziger Tag
Apropos Ryan Gosling. Mädels ihr müsst jetzt ganz stark sein, denn der Ryan war neulich mit seiner Band im Foyer und spielte am letzten Abend ein Abschiedsständchen für mich. Leider bin ich auf dem Video nicht zu sehen – einer musste ja schließlich Contenance bewahren und die QVC-Mädels in Schach halten. Das Intro dauert etwa 3 Minuten, dann aber begrüßt uns der liebe Ryan und seine Band.


Pünktlich zum Bingo-Abend im Dünenhaus musste die Band dann leider wieder in ihren Jet und back to the USA düsen. Halb so schlimm, ich hatte dieses gesellschaftliche Ereignis leider auch verpasst. Zum wiederholten Male. Und dabei hatte ich es mir immer ganz fest vorgenommen und extra Geld beiseite gelegt. Immerhin, denn der Einsatz lag bei 50 Cent pro Spiel. Ungünstigerweise war Bingo-Time immer Samstagabend um halb acht. Wirklich sehr ungünstig, da ich mir vornahm die Blockbuster, die ich unter der Woche verpennt hatte, genau dann anzuschauen. Ohne Mist, ich habe es wochentags nie geschafft länger als halb neun wach zu bleiben. So als ob der Sandmann mit Absicht darauf wartete, bis der Zeiger auf 20.15 Uhr sprang – also direkt nach der Promi-Gossip-Klatsch-TV-Kolumne – und mir dann eine extra Portion Schlafsand durchs offene Balkonfenster kippte. Nun gut, ich habe mich irgendwann damit abgefunden keine Bingo-Queen zu werden und widmete mich einem anderen Plan. Dem Speiseplan.

Nach knapp drei Wochen Stulle mit Brot und Früchtetee zum Abendessen wollte ich meinen Gaumen endlich wieder zum Lächeln bringen. Fisch sollte es sein und Geld durfte es auch kosten. Also kramte ich aus meinem geheimen Zimmer-Versteck meine Taler zusammen und beschloss auswärts essen zu gehen. Bevor es jedoch soweit war, machte ich noch einen kleinen Abstecher zum Strand. Es war ja schließlich noch hell. Ich machte mich auf dem Weg, grüßte hier und da ein paar Meeresbewohner, winkte ihnen zu und wünschte schon mal ein schönes Wochenende. Irgendwann zwischen Strandaufgang 5 und 6 meldete sich mein Magen. Na gut, alles klar. Das nächste Restaurant ist meins. „Bratkartoffeln mit Lachs“ joah, ach ne und guck’ noch ein bisschen weiter. „Salzkartoffeln mit gegrillten Gemüse der Saison“ puh, ein bisschen fetziger könnte es schon sein. Ein Steak, wäre nicht schlecht. Und so kam es, dass ich plötzlich vor dem Grand Hotel aka Kurhaus stand, in dem neulich noch der Film „Love Steaks“ gedreht wurde. Wie passend, dachte ich. Habe ihn zwar noch nicht gesehen, meine Freundin Martina meinte aber, dass er ganz großartig sein soll. Schön. Dieses Etablissement sollte es also sein. Ich freute mich, denn immerhin verbrachte ich schon einen sonnigen Nachmittag bei einer Tasse Milchkaffee und Mandarinenkuchen im Strandkorb ganz oben auf der Dachterrasse. Und so begab es sich, dass ich plötzlich mit Sand im Schuh und Jutebeutel auf den Rücken geschnallt in ein 12 Sterne Restaurant stolperte.

Ich wurde in Empfang genommen, ganz höflich. „Was darf ich für Sie tun?“. Ich erwiderte ganz selbstverständlich „Ein Tisch für eine Person, bitte.“, so als ob ich gerade frisch aus dem Wellnessbereich der Anlage entstiegen wäre und in der Lobby noch schnell im Vorbeigehen mit meiner Platin-Kreditkarte das kleine Schwarze von Monsieur De La Chanson und die sündhaft teuren Manolo Blahniks gekauft hätte. So selbstverständlich, als hätte ich mich in die teuerste Suite des Hauses eingecheckt, für vier Wochen oder so. Stattdessen stand ich in meiner Jeans im Boyfriend-Style, meinen ultra bequemen Sneaker-Boots, dunkelblauen Parker, grauen Schal bis zur Nasenspitze geschoppt und dem 10 Kilo schweren Jutebeutel gefüllt mit Steinen im Eingangsbereich des Restaurants. „Ich habe versäumt zu reservieren, würde dennoch gern hier zu Abend essen.“, sagte ich. „Gewiss. Sehr gern. Wo möchten sie sitzen?“. Überall – dachte ich bei mir. „Mit Blick auf das Meer, wenn möglich.“. „Sehr gern, folgen sie mir bitte.“. Stark. Ich nahm Platz in der Mitte des Restaurants und schaute der Sonne beim abtauchen ins Meer zu. Hach, welch ein herrlich kitschiger Moment. Dies konnte nur von etwas noch kitschigerem übertrumpft werden. Einem verliebten Pärchen, auf 12 Uhr. Zum Glück hatte die Romantik hier ihre Grenzen und die beiden schienen sich lieber via Smartphones zu unterhalten, als in echt von Angesicht zu Angesicht zu plaudern. Dies nahm dem Ganzen ein wenig Glanz von der besinnlichen Stimmung und gab mir ein wenig Hoffnung auf ein ruhiges, ungestörtes Abendmahl.

Ich bestellte also mein Menü + Wasser + Wein + Häppchen + Gruß aus der Küche + Cappucino + Dessertkarte + + + so viele Extras, dass ich schon fast hätte den Nachbartisch anstellen können, ein Traum! Ich fühlte mich verstanden und wie eine kleine Prinzessin. So ähnlich musste sich auch Julia Roberts in “Pretty Woman“ gefühlt haben, als sie zum zweiten Mal in diesen einen doofen Laden ging, in dem sie anfangs nicht bedient wurde. Als hätte man dem Personal hier genau diese Szene bei der Einweisung vorgespielt mit den Worten „Und denkt immer daran, jeder Gast in Blue Jeans, könnte eine versteckte Pretty Woman und Richard Gere`s Ehefrau sein.“. Tolles Konzept! Mein Essen kam. Ich saß aufrecht mit geradem Rücken am Tisch, hatte die Ellenbogen ordnungsgemäß heruntergeklappt und benutzte mein Essbesteck von Außen nach Innen. Danke, Pretty Woman.
Ich genoss noch eine ganz Weile den Ausblick aufs Meer, bezahlte brav meine Rechnung und machte mich mit meinem Jutebeutel wieder auf den Weg zurück in die Reha-Klinik. Ich nahm den Treppenaufgang, ging vom Wein etwas angetüddelt hinauf in die dritte Etage, dort wo auf dem Flur direkt vor meiner Tür ein Staubsauger stand mit der Aufschrift: HENRY.

Bildschirmfoto 2014-04-22 um 12.52.44
Gute Nacht, Ahrenshoop.

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